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Mal riechen, Liebling? - Innovation
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Auszug
aus: Innovation
Autor: VON CAROL KAESUK YOON
ITHACA/USA
Mal riechen, Liebling?
Eine gute Nase für Verwandte verhindert Inzucht bei
Hamstern. Und selbst der Mensch soll ideale Partner
erschnüffeln können
Bei
dipus hat es nicht funktioniert. Der unglückliche
Grieche aus dem Altertum hatte sich in seine eigene
Mutter verliebt, nicht ahnend, wen er vor sich hatte.
Hätte dipus doch nur einmal tief durch die Nase eingeatmet!
Dann hätte er - ganz ohne DNS-Test - vielleicht gemerkt,
wie nah verwandt er mit der Angebeteten ist, und das
furchtbare Schicksal hätte gar nicht erst seinen Lauf
genommen.
Nichts liegt Jill Mateo und Robert Johnston von der
Cornell University ferner, als den griechischen Mythenschatz
umschreiben zu wollen. Doch die neuste Studie der
Tierverhaltensforscherin und des Psychologen lassen
einen rätseln, ob dipus damals vielleicht unter einem
Schnupfen gelitten hat.
Zwar arbeiten die beiden US-Forscher mit Goldhamstern,
doch, so glauben manche Biologen, sind die Erkenntnisse
aus dem Hamsterkäfig auch für andere Tiere und sogar
für Menschen gültig.
Mateo und Johnston gelang der Nachweis, dass Hamster
ihre Verwandten aus einer Gruppe wildfremder Tiere
herausschnüffeln können - ohne dass sie zuvor je eine
Chance gehabt hätten, sich ihren Familienduft einzuprägen.
Das Phänomen wird in Kalifornien auch an Honigbienen
untersucht
Dieses Phänomen wurde vom britischen Biologen Richard
Dawkins («Das egoistische Gen») zu einem früheren
Zeitpunkt einmal «Achselhöhleneffekt» getauft, da
er vermutete, dass Menschen Achselschweiss unbewusst
als Familienmarker benutzen. Inzwischen bezeichnet
der Begriff allgemein das Phänomen, dass Tiere und
Menschen manchmal scheinbar intuitiv die verwandtschaftliche
Nähe zwischen sich und anderen erfassen können. Forscher
vermuten, dass neben dem Geruch möglicherweise auch
der Hör- und der Sehsinn eine Rolle spielen könnten.
Das Hamsterexperiment aus Cornell liefert nun den
bislang stichhaltigsten Beweis dafür, dass der Achselhöhlen-effekt
tatsächlich eine Rolle im Sozialverhalten spielt.
Ein überzeugenderes Experiment habe er noch nie gesehen,
lobt Wayne Getz, der an der University of California
in Berkeley das Phänomen bei Honigbienen untersucht.
Manche Biologen glauben, mit dem Achselhöhleneffekt
eine ganze Batterie erstaunlicher Beispiele erklären
zu können. Wir Menschen scheinen in Sachen Stammbaumintuition
den Tieren nicht viel nachzustehen. Einige der überraschendsten
Beobachtungen wurden gar bei Menschen gemacht. Im
amerikanischen South Dakota leben beispielsweise die
Hutterer, eine stark von der Aussenwelt abgeschirmte
religiöse Gemeinschaft. Die Mitglieder dieser Gruppe
sind alle relativ nahe miteinander verwandt. Sie stammen
von nur 64 eingewanderten Vorfahren ab.
Je unterschiedlicher das Erbgut, desto weniger Missgeburten
Carole Ober, eine Genetikerin an der University of
Chicago, untersuchte das Erbgut von Hutterer-Ehepaaren
und fand, dass diese sich in den Genen, die das Immunsystem
bestimmen, viel stärker unterschieden als zwei zufällig
ausgewählte Gruppenmitglieder. Falls hier der Achselhöhleneffekt
im Spiel ist, scheint die Nase den Ehepartnern einen
guten Dienst erwiesen zu haben: Je unterschiedlicher
ihr Erbgut war, desto weniger Missgeburten kamen vor.
Nun sind Hamster zwar keine Menschen und in ihrem
Sozialverhalten sicherlich viel stärker von ihren
Instinkten geleitet als die hirnlastigen Zweibeiner.
Doch an ihnen lassen sich Experimente durchführen,
die wohl kein Ethikkomitee der Welt bewilligen würde,
wären Menschen die Versuchsobjekte.
Mateo und Johnston trennten die Hamsterjungen wenige
Stunden nach der Geburt voneinander und von ihrer
Mutter und schoben sie einer anderen Hamsterfamilie
unter. Die Hamsterjungen wuchsen also mit dem Duft
einer fremden Familie auf. Die Trennung von der richtigen
Familie geschah zu einem Zeitpunkt, als die Geruchswahrnehmung
der Nager noch nicht entwickelt war.
Ihre richtigen Geschwister bekamen sie erst als ausgewachsene
Hamster wieder zu Gesicht, in einer gemischten Gruppe
von verwandten und fremden Hamstern. Obwohl die Testtiere
ihr ganzes bisheriges Nagerleben in einer Stieffamilie
verbracht hatten, steuerten sie zielsicher auf die
nicht verwandten Tiere zu und beschnüffelten diese
ausgiebig. Gegenseitiges Beschnüffeln dient Hamstern
als Vorspiel für Paarung oder Kampf. An den Geschwistern
hingegen zeigten sie kaum Interesse.
Dies sei ein klarer Hinweis dafür, dass die Hamster
die Familienbande erschnüffeln können, kommen die
Forscher in ihrer Studie zum Schluss, die sie kürzlich
in der Fachzeitschrift «Proceedings of the Royal Society»
veröffentlicht hatten. Als Referenzwert scheint den
Tieren dabei der eigene Duft zu dienen und nicht etwa
der Geruch der Kinderstube.
Die Deutlichkeit, mit welcher der Achselhöhleneffekt
bei den Hamstern auftritt, hat die Forscher überrascht.
Denn im Grunde genommen sind Labor-hamster denkbar
ungeeignete Versuchstiere, um das Stammbaumschnüffeln
zu testen: Sämtliche Hamster, die im Dienste der Forschung
stehen, stammen von nur vier Individuen ab, die in
den Dreissigerjahren eingefangen wurden, und sind
also sehr eng miteinander verwandt. Mateo zieht deshalb
den Schluss: «Wenn Laborhamster dazu fähig sind, dann
sollten ihre wilden Verwandten es erst recht sein.»
Die eigenen Blutsverwandten zu erkennen, kann viele
Vorteile haben, glauben Biologen. Neben der Vermeidung
von Inzucht, welche das Risiko für Erbkrankheiten
erhöht, können Blutsverwandte sich so auch besser
gegenseitig beistehen.
Ein solches Verhalten legen beispielsweise männliche
Pfaue an den Tag. Diese versammeln sich oft in Gruppen,
um mit ihren imposanten Rädern ein Weibchen zur Paarung
zu bewegen. Dabei sinkt natürlich die Chance jedes
Einzelnen, der Auserwählte zu sein. Rein nach Darwin
betrachtet, bedeutet es für die verschmähten Vögel
aber keinen allzu herben Verlust, so lange die Gunst
einem ihrer Brüder gewährt wird: Die Gene, welche
sie mit ihrem erfolgreichen Bruder gemeinsam haben,
werden trotzdem weitervererbt.
Englische Forscher konnten dieses Verhalten inzwischen
auch bei Pfauen nachweisen, die sich, obwohl getrennt
voneinander aufgezogen, umso häufiger zum gemeinsamen
Radschlagen trafen, je enger verwandt sie miteinander
waren. Ein Verhalten, das die Forscher nun ebenfalls
mit dem Achselhöhleneffekt erklären zu können glauben.
Fremde Immunsysteme lassen sich selbst an T-Shirts
erschnüffeln
Zwar verhalten sich Menschen bei der Partnerwahl um
einiges komplizierter als Pfaue und würden dem eigenen
Bruder wohl kaum aus darwinistischen berlegungen
die Geliebte überlassen. Doch auch sie scheinen dem
Achselhöhleneffekt bis zu einem gewissen Grad ausgeliefert
zu sein.
Einer der eindrücklichsten Hinweise dafür stammt von
Claus Wedekind von der Universität Bern (zurzeit an
der University of Edinburgh tätig). Der Biologe liess
im Namen der Wissenschaft 49 Studentinnen an T-Shirts
schnüffeln, die zuvor von jungen Männern zwei Nächte
lang auf nackter Haut getragen wurden. Das erstaunliche
Ergebnis: Je unterschiedlicher das Immunsystem eines
T-Shirt-Trägers von demjenigen der Testschnüfflerin
war, desto attraktiver erschien ihr sein Geruch.
Den Verwandtschaftsgrad der Immunsysteme dieser Frauen
und Männer analysierte Wedekind, indem er eine Gruppe
von Eiweissen untersuchte, die den so genannten Major
Histocompatibility Complex (MHC) bilden. Dieser Komplex
spielt im Immunsystem eine entscheidende Rolle. Suchen
Menschen ihre Partner tatsächlich mit der Nase, danken
es ihnen die Nachkommen. Denn je unterschiedlicher
das Immunsystem der Eltern, desto grösser ist die
Bandbreite an Abwehrkräften, die sie an ihre Kinder
weitergeben.
Vieles, was mit dem Achselhöhleneffekt zusammenhängt,
ist noch rätselhaft. Einige Kritiker wie der Verhaltensforscher
Richard Alexander von der University of Michigan bezweifeln,
ob beispielsweise die Hamster in dem Experiment von
Mateo und Johnston wirklich ihre Verwandten erkennen.
«Vielleicht machen sie einfach einen Fehler», sagt
Alexander. Möglicherweise ignorieren sie die Gerüche
der Geschwister ganz einfach, weil sie denken, es
sei ihr eigener Geruch.
Die Forscher der Achselhöhlenfraktion halten dies
für Haarspalterei. Tatsache ist, so ihr Argument,
dass es die Hamster durch reines Schnüffeln fertig-
bringen, fremd von verwandt zu unterscheiden - wie
auch immer sie es anstellen.
Die interessantesten Fragen zum Thema Achselhöhlengeruch
wirft sowieso die bertragung der Resultate auf den
Menschen auf. Beispielsweise warum wir so viel Aufwand
betreiben, um unsere natürlichen Düfte mit teuren
Parfüms zu überlagern. Bearbeitung: Odette Frey |
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